98 Jahre Ortsverband Bad Nenndorf

Chronik aus dem Jahr 1957

Widmung

Da der im Jahre 1919 gegründeten Ortsgruppe alle Unterlagen durch politische Einwirkungen verloren gegangen sind, möchte ich als Mitbegründer derselben die folgenden Aufzeichnungen als Ersatz zum bleibenden Bestand heute hiermit der Ortsgruppe Bad Nenndorf des Reichsbundes der Kriegs- und Zivilbeschädigten, Sozialrentner und Hinterbliebenen anläßlich ihres zehnjährigen Bestehens überreichen.

Bad Nenndorf, den 11. Mai 1957

Wilhelm Stege


Noch während des ersten Weltkrieges 1914/1918, als nach und nach immer mehr Schwer-Kriegsversehrte zur Entlassung kamen und die Zahl der Kriegerwitwen immer mehr anstieg, wurde das Verlangen nach einem Zusammenschluß immer stärker. Da auch die Behörden nicht in allen Fragen denen, die vom Schicksal des Krieges schwer betroffen, gerecht werden konnten, wurden Stimmen laut, selbst an den notwendigen Verbesserungen der Renten und anderen Lebensbedingungen mitzuwirken. Bei der damaligen Regierungsform (Monarchie) war dieses jedoch nicht erwünscht und wurde zurückgewiesen. Als nach dem Zusammenbruch des Krieges im Jahre 1918 die Revolution eine neue Regierungsform (die dt. Demokratie) brachte, wurde damit auch der Weg zur Mitarbeit erleichtert.

Nun sollte auch hier in Bad Nenndorf, damals noch Groß- und Kleinnenndorf in zwei Orte getrennt, ausgerichtet nach den größeren Städten, eine Ortsgruppe gegründet werden. Zu diesem Zwecke fanden sich am 7. Februar 1919 einige Kameraden zusammen, um die Gründung vorzubereiten.

Die versammelte kleine Gemeinschaft waren:

1. Heinrich Rohrsen    Schrankenwärter

2. Willy Dehne            Gemeinderechner

3. Wilhelm Stege        Postbote

4. Christoph Möller     Berginvalide

5. Hans Mehrkens      Schrankenwärter

6. Otto Schweger       Hausschlachter

Es wurde beschlossen, zum 19. Februar 1919 nach Haus Sühs eine öffentliche Versammlung einzuberufen und einen Redner hierzu zu bestellen. Es hatten sich auch eine stattliche Anzahl Kriegsbeschädigte und Hinterbliebene eingefunden. Der Gauleiter von der Gaustelle Hannover Oskar Gläser hielt uns ein ausführliches Referat über Zweck und Ziele des Reichsbundes, wobei er hervorhob, daß der Reichsbund politisch und religiös streng neutral sei.

Am Schlusse des Referats fand eine freie  Aussprache statt. Es meldeten sich 38 Personen und schlossen sich zu einer Ortsgruppe zusammen und wählten einen provisorischen Vorstand.

In den Vorstand wurden gewählt:

1. Vorsitzender    Wilhelm Stege

2. Vorsitzender    Heinrich Rohrsen

1. Schriftführer     Willy Dehne

2. Schriftführer     Konrad Garbe

1. Kassierer         Christoph Möller

Als Beisitzer Frau Battermann und Frau Mengel.

Alle Gewählten nahmen die Wahl an. Es wurde beschlossen, die nächste Versammlung in vier Wochen stattfinden zu lassen. Die Versammelten blieben noch länger zusammen und bestürmten den Gauleiter mit vielen Fragen, die das Gebiet der kommenden neuen Renten betrafen. Infolge vorgerückter Abendstunde verabschiedeten sich die Versammelten auf ein Wiedersehen in der nächsten Versammlung.

In der nächsten Versammlung wurde dem gesamten Vorstand das Vertrauen ausgesprochen. Er wurde für das ganze Jahr bestätigt. Die Versammlungen fanden in den ersten zwei Jahren alle 4 Wochen, an jedem ersten Sonntag im Monat, statt, um die Mitglieder mit allen neuen Bestimmungen bekanntzumachen.

Im August 1919 veranstaltete die Ortsgruppe im Garten des Hauses Sühs ein Konzert zugunsten der Kriegswaisen, welches von der Vogeschen Kurkapelle ausgeführt wurde und uns einen Reinertrag von 91 RM erbrachte. Dieser Betrag wurde zur Weihnachtsfeier für die Kriegswaisen für Geschenke eingesetzt.

Die Zahl der Mitglieder stieg im Lauf des nächsten Jahres auf zirka 90 Personen an. Im Jahre 1920 und 1921 veranstaltete die Ortsgruppe am Totensonntag ein dem Tage entsprechend würdige Feier zu Ehren der Gefallenen, deren Erlös für die Weihnachtsfeier der Kriegswaisen bestimmt wurde.

Der Vorstand arbeitete unermüdlich für die Mitglieder, um ihnen die zustehenden Rechte betr. Erhöhung der Renten, Verbesserung der Fürsorgepflicht, Unterbringung der Schwerbeschädigten in geeignete Arbeitsplätze usw. zu sichern. Auch wurde beim Bürgermeister ein Vertrauensmann bestellt, der bei allen Fragen über Angelegenheiten der Kriegsopfer gehört werden mußte. Dieses wurde auch von dem Bürgermeister anerkannt. Der Vertrauensmann, damals Kamerad Heinrich Rohrsen, vertrat die Angelegenheiten der Kriegsopfer korrekt und mit allem Nachdruck auch für Außenstehende, wobei der Gemeinderechner Kamerad Willy Dehne als 1. Schriftführer Beistand leistete.

Bei einem Sterbefall traten die männlichen Mitglieder der Ortsgruppe zur letzten Ehrerweisung geschlossen mit einem Kranz an.

In den Jahren 1923/24 traten viele Mitglieder aus der Ortsgruppe aus. Einige davon wandten sich anderen Vereinen zu und die anderen traten aus, weil sie nach dem damaligen neuen Reichsverordnungsgesetz als Leichtbeschädigte abgefunden worden waren und sich nicht mehr als beschädigt fühlten. Die nun noch zusammen gebliebenen Mitglieder von zirka 67 Personen bildeten eine fest zusammengefügte Gemeinschaft.

In den Jahren nach 1927, als der große politische Wellenschlag immer höher ging, wurde auch die Ortsgruppe, besonders die Mitglieder des Vorstandes, umschüttelt und umworben und um deren Gunst gerungen. Der gesamte Vorstand, der aber an der Neutralität festhielt, war nicht zu beeinflussen. Die Ortsgruppe gewann somit noch mehr an Festigkeit und Ansehen.

Den Vorstandsmitgliedern Kamerad Willy Dehne, Kamerad Heinrich Rohrsen und Kamerad Wilhelm Stege wurde nach zehnjähriger Tätigkeit im Vorstand im Jahre 1930 eine schmuckvolle Ehrenurkunde als Anerkennung verliehen.

Im Jahre 1932 bis zum politischen Umbruch 1933 war der zeitweilige Kassenführer Kamerad Hans Mehrkens 1. Vorsitzender.

Nach der nationalsozialistischen Erhebung im Jahre 1933 wurde die Ortsgruppe von der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei aufgelöst. Das Geld auf der Bank wurde beschlagnahmt und eingezogen. Jedoch brachten wir es dennoch fertig, einen Betrag von 82 RM in Sicherheit zu bringen, die wir bei späteren Anlässen unseren Mitgliedern zugute kommen ließen. Alle Geschäftsbücher, die heute ein wertvolles Dokument darstellen würden, wurden ein Opfer der damaligen Zeit.

Am 20. Mai 1933 wurde im Gasthaus Wehmeyer die Ortsgruppe wieder zusammengeholt und zu einer Kameradschaft der Nationalsozialistischen Kriegsopferversorgung der Partei angegliedert, neu formiert, kurz NSKOV genannt. Zum Führer dieser neuen Kameradschaft wurde der ehemalige 1. Schriftführer Kamerad Willy Dehne bestimmt. Dazu kamen Kamerad Ponny und Kamerad Pfingsten aus Rodenberg. Alle anderen Mitglieder des ehemaligen Vorstandes waren politisch nicht einwandfrei. Da es aber zur Mitarbeit an geeigneten Mitgliedern fehlte, wurde von den alten, abgelegten Vorstandsmitgliedern einer nach dem anderen wieder in den Vorstand zurückgeholt, auch ohne in der Partei zu sein.

Die Kameradschaft unterstand dem Kommando der politischen Führer. Alle Aufmärsche und Veranstaltungen mußten mitgemacht werden. Alle Veranstaltungen der Kameradschaft, sowie alle Gelder standen unter der Aufsicht der N.S.D.A.P.

Während des zweiten Weltkrieges 1939 - 1945 wurden den Kriegsopferkameradschaften fürsorgliche und betreuerische Aufgaben zugewiesen. Nach dem Zusammenbruch des zweiten Weltkrieges und des Dritten Reiches im Mai 1945 gingen wiederum alle Geschäftsbücher und alle wertvollen Unterlagen für unsere Nachwelt verloren. Übrig blieb nur die Legende.

Im April 1947 wurde die Ortsgruppe des alten Reichsbundes der Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen wieder neu ins Leben gerufen, die am heutigen Tage dem 11. Mai 1957 ihr zehnjähriges Bestehen im Hotel "Haus Kassel" festlich begeht.

Nun wünsche ich der Ortsgruppe weiterhin ein zielstrebiges Wirken und daß der Geist der alten Reichsbund-Kameradschaft weiterhin das bleibt, was er war und immer sein und bleiben wird.

Bad Nenndorf den 11. Mai 1957

Wilhelm Stege